Robert Klauß und Nürnberg: Auf der Suche nach Konstanz




Wir haben so viel richtig gemacht während des Spiels, dass es sich richtig angefühlt hat, noch ein Tor zu schießen.

Robert Klauß im Interview nach dem 1:0 Erfolg gegen Arminia Bielefeld.

In der Tat! Der Club zeigte am Freitagabend die beste Saisonleistung zusammen mit dem Derbysieg gegen schwache Fürther. Das Zustandekommen war aber durchaus unterschiedlich. Sowohl was Spielverlauf und Zeitpunkt der Tore anbelangt – vor allem aber auch inhaltlich. Hatte man im Spiel gegen das Kleeblatt noch  35% Ballbesitz, war das Team von Robert Klauß gegen die Ostwestfalen selbst das Team mit 65% Ballbesitz.
Aber der Reihe nach…

 

Nürnberger Offensivprobleme der Vorsaison behoben?

Die Probleme der Vorsaison waren bei der Verantwortlichen schnell ausgemacht: Mangelnde Chancenqualität in der Offensive. Der Club war nicht von ungefähr das Team in der Oberen Tabellenhälfte mit dem geringsten Expected Goals Wert. Dass man ligaweit die meisten Tore aus der Distanz erzielte, kann man positiv betrachten – muss man aber nicht. Jeder zweite Schuss der Franken kam von außerhalb des Sechzehners – nur logisch, dass die Anzahl an Ballkontakten im gegnerischen Strafraum darunter zu leiden hatte. Gerade einmal Platz 10 belegte man in der Hinsicht. Die Wichtigkeit des Wertes wird erst bewusst, wenn man sich zu Gemüte führt, dass die Top 3 in dieser Tabelle auch die Top 3 in der Endabrechnung waren.

Das Fehlen eines echten Torjägers war sicherlich auch ein Faktor für die oftmals fehlende Durchschlagskraft. Kein Club-Spieler kam in der abgelaufenen Saison auf eine zweistellige Scorerausbeute. Unter anderem um dies zu ändern, wurden Kwadwo Duah und Christoph Daferner verpflichtet. Auch wenn beide zusammen bereits auf 5 Tore kommen, fehlt häufig noch die Bindung zum Spiel der Franken. Duah und Daferner kamen zwar fast genauso oft zum Abschluss wie der derzeitige Toptorjäger der 2. Liga Felix Platte, die Qualität dieser lässt aber zu wünschen übrig. Nur ca. 35% der Schüsse gehen auf das gegnerische Tor.

Im Spiel gegen die Arminia aus Bielefeld fand das Mittelfeld der Nürnberger den auffälligen Duah öfter als in den Spielen zuvor. Der Schweizer lebt von seinem Tempo (zweitschnellster Spieler der Liga mit 36,16 km/h Topspeed) und von seinen Tiefenläufen – mit lediglich Platz 12 in der Kategorie „Steilpässe“ füttert man den schnellen Stürmer noch deutlich zu wenig. Ähnlich verhält es sich mit Daferner. Der Neuzugang aus Dresden lebt von seiner Präsenz im Sechzehner, wird aber bislang selten mit Flanken gefüttert und hängt dementsprechend oft in der Luft. Die schwache Passquote der beiden Offensivspieler belegt die mangelnde Einbindung – mit jeweils gut 50% angekommener Pässe belegen sie mit Abstand die letzten Plätze im Team von Robert Klauß.

 

Robert Klauß und Nürnberg: Mittelmaß oder mehr?

Als Jahrgangsbester des DFB-Trainerlehrgangs und vor allem als Co-Trainer von Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann waren die Erwartungen an Robert Klauß,  vor allem in taktischer Hinsicht, sehr hoch. Wer dachte, dass der junge Club-Trainer den Fußball „neu erfinden“ wollte, sah sich schnell getäuscht. Der 37-Jährige beschränkte sich erstmal auf – keinesfalls negativ gemeint – klassischen Zweitligafußball. Mit Mittelfeldpressing und möglichst schnell hinter die letzte Kette des Gegners kommen lässt sich Klauß‘ Anfangszeit als Cheftrainer im Profifußball gut zusammenfassen. In Klauß‘ zweiter Saison ließen sich durchaus Fortschritte erkennen, auch in spielerischer Hinsicht wurder der Fußball der Franken komplexer.




Nach dem Fehlstart in die aktuelle Saison mit erneut vielen Gegneranpassungen und verschiedenen Herangehensweisen kamen erstmals Zweifel an Klauß auf. Die konkrete Frage in Teilen der Club-Fans lautete häufig: was ist eigentlich Klauß‘ Spielidee? Für welche Art von Fußball stehen wir? Ein Blick auf einige wichtige statistische Parameter (vor dem Bielefeld Spiel) verschafft Klarheit – oder auch nicht?

Statistischer Parameter Wert Platz in der Liga
XG (erwartete Tore) 8,51 14
XGa (erwartete Gegentore) 8,29 3
Schüsse 89 9
Flanken 91 13
Ballbesitz 51,7 9
Gespielte Pässe 2686 8
Steilpässe 506 12
Progressive Läufe 72 13
PPDA (gegn. Pässe pro Defensivaktion)  11,73 16
Herausforderungsintensität (Def.aktionen pro Minute gegn. Ballbesitz) 6,6 7

Der ein oder andere Ausreißer ist dabei, aber im Großen und Ganzen muss man aus statistischer Sicht festhalten: Der Club ist aktuell nur Durchschnitt. Vor allem im eigenen Ballbesitz offenbaren sich einmal mehr Probleme. Zu selten schafft man im letzten Drittel den Durchbruch in den Sechzehner. „Ball auf MMD und dann mal sehen“ beäugen einige Clubfans kritisch. Der Spielgestalter der Franken ist zweifelsohne ein absoluter Qualitätsspieler, der ligaweit mit die meisten Dribblings erfolgreich gestaltet – aktuell hängt aber zu viel vom Norweger ab – oder hing?

 

Sieg gegen Bielefeld – der Wendepunkt?

Aber: das Bielefeld macht den Nürnberger Anhängern zurecht Mut. Erstmals seit langer Zeit kontrollierte die Elf von Robert Klauß eine Partie über 90 Minuten. Man konnte viele Situationen spielerisch lösen und durch Verlagerungen die Elf der Gäste müde spielen. Auch die sich bietenden Halbräume besetzte und fand man besser als zuletzt. Vereinzelt lies man auch in den Spielen zuvor das Potenzial aufblitzen – maximal aber für eine Halbzeit, insofern ein klarer Schritt nach vorne.

Deutlich präsenter, viele gewonnene zweite Bälle und klare Chancen (xG-Wert 1,95) – der Schritt zurück zu den „mobilen Zehnern“ im variablen 4-2-3-1 war der richtige. Auch der junge Fofana zeigte deutlich, warum er den Vorzug vor Geis erhalten hatte und nutzte seine Chance. Im Vergleich zum Derbysieg, der zuvor stärksten Saisonleistung, war man diesmal selber für das Spiel mit Ball verantwortlich – eine Aufgabe, mit der man zuvor regelmäßig Probleme hatte. Insgesamt eine gute Teamleistung, bei der kein Spieler abfiel. Alles in allem die gewünschte, aber auch nötige Reaktion.

Auch wenn nicht zwingend eine positive Korrelation zwischen Laufdistanz/Sprints/intensive Läufe und Spielausgang besteht, passen die Daten sehr gut ins Bild. Während der Club bei der Niederlage in Braunschweig 5 Kilometer weniger als der Gegner lief und auch in Sachen Sprints klar das Nachsehen hatte (250 vs. 213), konnte man diesmal beide Werte für sich entscheiden.




Volle Rückendeckung für Robert Klauß

Es ergibt keinen Sinn, von Kontinuität im Verein ständig zu sprechen und dann sofort den Trainer infrage zu stellen.

Club-Sportvorstand Dieter Hecking über Trainer Robert Klauß.

Dass zwischen Dieter Hecking und Robert Klauß die Chemie stimmt, ist kein Geheimnis. Auch nach dem schwachen Saisonstart stärkte Hecking seinem Trainer den Rücken – zu recht, wenn man das Spiel gegen Bielefeld als Grundlage heranzieht. Auch die Wahl des Co-Trainers ist ein klares Indiz für das Vertrauen in die Arbeit des ehemaligen RB-Assistenten. Ersan Parlatan ist der Nachfolger für den als Cheftrainer zum VfL Osnabrück abgewanderten Tobias Schweinsteiger. Klauß und Parlatan kennen und schätzen sich. Gemeinsam absolvierten sie die Ausbildung zum Fußballlehrer. Der neue Co-Trainer der Mittelfranken hospitierte außerdem bei RB Leipzig als Klauß noch bei den Sachsen aktiv war.

Das Spiel gegen Bielefeld war ein großer Schritt in die richtige Richtung. Das Saisonziel Platz 1-6 ist ambitioniert, aber nicht unrealistisch. Transfermarkt.de listet den Marktwert der Clubberer auf Platz 6 – bedenkt man, dass auf Platz 2 und 3 die beiden Absteiger Bielefeld und Fürth stehen, darf man dies aber nicht überbewerten. Das Team von Robert Klauß hat zweifelsohne Qualität im Kader. Schafft man es in Zukunft häufiger, zwei gute Halbzeiten auf den Platz zu bringen, kann der Sieg gegen die Arminia der Wendepunkt einer noch jungen Saison gewesen sein.

 

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