Manchester United: mit ten Hag und neuem Spirit in die Champions League?







Erik ten Hag: vom Ballbesitzfußball zum Umschaltspiel

Ballbesitz. Dominanz. Offensive. Mit diesen Schlagworten wurde Erik ten Hag vor seinem Wechsel zum englischen Rekordmeister in Verbindung gebracht. Mit einer attraktiven Spielweise gelang es ten Hags Ajax Amsterdam, in 215 Spielen satte 593 Tore zu erzielen. Nach spielerisch holprigen Jahren unter Solskjær und Rangnick erhofften sich die Anhänger der Red Devils Ähnliches bei ihrem Lieblingsclub.

Tatsächlich lag der Ballbesitzwert Uniteds in den ersten beiden Ligapartien gegen Brighton und Brentford bei etwa 65%. Das Resultat? 0 Punkte und 1:6 Tore. Ten Hag war gefragt, seine anfänglichen Pläne über Bord zu werfen und tat dies auch. Mit dem 2:1 Erfolg am 3. Spieltag über den Rivalen aus Liverpool ließ Manchester United bereits erahnen, was die große Stärke werden soll: Aggressivität und ein schnelles Umschaltspiel.

 

Mittelfeld schnell überbrücken

Der Spielaufbau der derzeit auf Platz 5 liegenden Red Devils erfolgt tatsächlich häufig mit langen Bällen. Nur die Reds von Jürgen Klopp schlagen mehr pro 90 Minuten. Dementsprechend staffelt ten Hag seine Mannschaft auch im eigenen Spielaufbau. Der „6er“ Casemiro empfängt den Ball häufig von den beiden Innenverteidigern oder lässt sich sogar zwischen diese fallen. Von dort aus sind die Abstände zur nächsten Reihe gerade im Zentrum relativ groß. Die Positionierung der Spieler ist viel mehr dem Gewinnen des zweiten Balls gewidmet. Da man vor allem zu Beginn der Saison sehr konteranfällig war, setzt man das Gegenpressing mittlerweile dosierter ein. Häufig lassen sich die defensiveren Spieler schnellstmöglich wieder hinter den Ball fallen, um die Tiefe zu sichern.

Auch wenn Neuzugang Casemiro einen wichtigen Faktor für die gewonnene Balance darstellt, ist im Übergangsspiel noch Luft nach oben beim englischen Rekordmeister. Immer wieder zeigt man gute Ansätze, verliert aber überdurchschnittlich oft den Ball in der eigenen Hälfte und erspielt sich nur wenig Raumgewinn. Auch deshalb wählt man mittlerweile vermehrt das Stilmittel langer Ball. Da unter anderem Stürmer Marcus Rashford seine Stärke in tiefen Laufwegen hat, durchaus verständlich.

 

Konter als große Stärke

Dass Manchester United in Schlagdistanz zu den Champions League Plätzen steht, hat viel mit der neugewonnenen Stärke im Umschaltspiel zu tun. Lediglich der von Pep Guardiola trainierte Stadtrivale konnte mehr Treffer nach Steckpässen hinter die gegnerische Abwehr erzielen. Unangefochtener Spitzenreiter ist das Team von Erik ten Hag in der Kategorie „Konter„. Die 8 erzielten Treffer nach solchen Situationen sind die Benchmark der Premier League.

Aus 6 Partien mit höherem Ballbesitzanteil sprangen nur 8 Punkte für die Red Devils heraus. Aus 8 Spielen mit weniger Ballbesitz konnte ten Hags Mannen starke 19 Punkte einsammeln.

Um den Ball zu erobern, setzt man auf ein aggressives Spiel gegen den Ball. Kein Team in der Premier League presst statistisch gesehen häufiger. Die Automatismen sind aber noch nicht vollumfänglich ausgereift. Ten Hag setzt auf ein Mittelfeldpressing mit einer Mischung aus Mann- und Raumorientierung. Während das Zentrum viel im 1-gegen-1 zustellt, agieren die Flügel deutlich mehr im Raum. Über 12 Pässe spielt der Gegner, ehe United den Ball erobert. Dass Manchester United mit im Schnitt 40 Metern vor dem eigenen Tor seine Zweikämpfe so nah am eigenen Tor führt wie kein anderes Team der Premier League, passt ins Bild. Erik ten Hags Team presst zwar viel und intensiv, aber nicht in ganz hohen Zonen.

 

Offensive: viel hilft viel?

Probleme ergeben sich gegen gut geordnete Teams. Die sehr mäßige Ausbeute von 20 Toren aus den bisherigen 14 Ligapartien bestätigen dies. Obwohl man mit über 12 Abschlüssen pro Spiel die fünftmeisten abgibt, lässt die Qualität dieser zu wünschen übrig. Lediglich die Wolves unterbieten die Torwahrscheinlichkeit von 10% pro Abschluss. Grund dafür ist die fehlende Durchschlagskraft im letzten Drittel. Fast die Hälfte der Abschlüsse werden von außerhalb des Strafraums abgefeuert. Mit lediglich 22% ist auch die Chancenverwertung stark ausbaufähig – ein klarer Torjäger fehlt, Marcus Rashford ist mit 4 Ligatreffern der Toptorjäger der Red Devils.

Die Abhängigkeit von Bruno Fernandes darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Expected Assists, progressive Pässe, Torschussvorlagen, schusserzeugende Aktionen und so weiter – der Portugiese ist nicht zu ersetzen für Manchester United. Lediglich Kevin de Bruynes Werte in Sachen Chancenkreation übersteigen die herausragenden Werte von Fernandes. Die zweitmeisten Chancen kreierte übrigens sein Landsmann und Rechtsverteidiger Diogo Dalot, was nicht gerade für die Kreativität der Offensivkollegen spricht.

Die Heatmap von Bruno Fernandes. Der 28-Jährige, der bevorzugt über den linken Halbraum kommt, ist Dreh- und Angelpunkt in ten Hags Offensive.

 

Nicht genutztes Potenzial

Klar ist auch, dass die Red Devils in der Rückrunde noch viel Arbeit vor sich haben, um den zuletzt guten Trend zu bestätigen. Bislang gelang als einziges Team der Liga noch kein Treffer nach Eckball oder Freistoß. Auch der Spielaufbau ist wie oben beschrieben noch eine große Baustelle. Die in der Theorie starken Dribbler schafft man zu selten, in isolierte 1-gegen-1-Situationen zu bringen. Lediglich Antony konnte in der Hinsicht bislang positive Signale senden. Kein Team wird seltener gefoult als das von Erik ten Hag – ein Sinnbild für die wenigen direkten Offensivduelle des englischen Rekordmeisters.

 

Der Spirit ist zurück

Alles in allem lässt sich festhalten, dass Erik ten Hag dem Umfeld der Red Devils wieder Hoffnung und Zuversicht einhauchen konnte. Auch die Situation um Cristiano Ronaldo löste der Niederländer extrem souverän. Seiner Mannschaft fehlt es derzeit noch an spielerischen Lösungen, die aber auch aktuell nicht im Vordergrund der Spielidee stehen. Viel mehr definiert man sich derzeit über ein aggressives Spiel gegen den Ball – durchaus erfolgreich. Lediglich das von Jesse Marsch trainierte Leeds United foulte bislang häufiger. Zudem kassierte kein Team mehr gelbe Karten als die Red Devils.

Mit dem defensiveren Ansatz fuhr ten Hag zuletzt gut. Schon 5x konnte David de Gea in der Liga ohne Gegentor bleiben. Wie stabil das Gebilde ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen, wenn die Partien gegen die Spitzenreiter Arsenal und Manchester City anstehen. In der Zwischenrunde der Europa League empfängt man den FC Barcelona. Der niederländische Trainer konnte bereits zeigen, dass er anpassungsfähig ist und wird auch in den nächsten Wochen nicht müde werden, seinem Team die richtigen Kniffe mit auf dem Weg zu geben.

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Quellen:
transfermarkt.de
wyscout.com
instat.com
whoscored.com
markstats.club
Little SavageManchester United FC – Manchester City FC, 25 October 2015 – 27CC BY-SA 4.0

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