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VfL Bochum: Saisonstart verpatzt – na und?

Tristesse bei den Anhängern des VfL Bochum: Nach einer nahezu perfekten Saison und dem souveränen Klassenerhalt lief der Start in die aktuelle Saison denkbar schlecht. Grund zur Panik? Ballorientiert analysiert die Lage "anne Castroper".
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So zerstört wurde ich noch nie.

Als Tabellenschlusslicht steht der VfL Bochum noch punktlos auf Platz 18. Zuletzt kassierte man eine herbe Schlappe gegen den Rekordmeister aus München. Simon Zoller analysierte mit obigem Zitat die Partie nüchtern. Auch wenn die Bayern vor dem Tor sehr effizient waren,  spielten sich mitunter erschreckende Bilder in der Bochumer Hintermannschaft ab. Aber der Reihe nach.

  1. Bochums Entwicklung unter Thomas Reis
  2. Spielstil im Wandel?
  3. Die aktuellen Probleme 
  4. Das macht Mut
  5. Saisonstart verpatzt – na und?







Bochums Entwicklung unter Thomas Reis

Im September 2019 übernahm Reis als Nachfolger von Robin Dutt beim VfL Bochum. Nach einem enttäuschenden Saisonstart stand der DFB-Pokalfinalist von 1968 und 1988 auf Platz 17. Auch in den Jahren zuvor hatte man nur selten mit den oberen Rängen im Unterhaus zutun.

3 Jahre später ist vieles anders in Bochum. Unter Reis entwickelte man sich stets weiter. 2020/21 – also in Reis‘ erster kompletter Saison – führte er den VfL zur Zweitligameisterschaft und dem damit verbundenen Aufstieg in die Bundesliga. Erstmals nach 11 Jahren Zweitligazugehörigkeit! In der abgelaufenen Saison konnte man nochmal einen draufsetzen. Nach einem schleppenden Start in die Saison – ähnlich wie aktuell – konnte man am 8. Spieltag das Schlüsselduell gegen den Mitaufsteiger aus Fürth gewinnen. Danach entwickelten Reis und Team einen Lauf, der mit dem vorzeitigen Klassenerhalt gekrönt wurde. Zieht man den Auftakt in die Saison ab, war der VfL nahezu auf Europa-League Niveau unterwegs.

 

Taktik: Spielstil von Reis und Bochum

Stilistisch hat sich in der Zeit unter Reis wenig geändert, von Anfang an waren seine Prinzipien erkennbar, an denen er bis heute festhält. Reis‘ Philosophie definiert sich über ein aggressives Spiel gegen den Ball. Mit einem hohen – vor allem im Zentrum – mannorientierten Pressing wird früh Druck auf den Gegner ausgeübt, was sich auch statistisch belegen lässt. Der PPDA-Wert (Passes per defensive action – „Pässe pro Defensivaktion“) sagt viel über die Intensität des Pressings aus. Die Pässe, die ein Gegner spielt, bis es zu einer Defensivaktion der verteidigenden Mannschaft kommt (z.B. Zweikampf, abgefangener Ball, Foul) werden gezählt – hier ist der VfL unter Reis stets in den vorderen Regionen anzufinden. Auch beim Parameter „Herausforderungsintensität“ war man mit 6,6 Defensivaktionen pro Minute gegnerischen Ballbesitz auf Platz 6 in der Vorsaison anzutreffen.

Defizite gab es dafür in Sachen Passquote, was aber durchaus auch dem gewollten Spielstil, der sich viel um zweite Bälle und Gegenpressing dreht, geschuldet ist. Mit 76% angekommenen Pässen lag man im Vorjahr vor Absteiger Bielefeld auf Platz 17 der Bundesliga – aktuell steht man mit gut 80% auf Platz 10, was sich auch auf den Ballbesitz auswirkt, der aktuell deutlich höher ist als in der abgelaufenen Saison.

 

Die aktuellen Probleme

Die oben genannten Werte zeigen klar – in Bochum wird versucht, mehr spielerische Elemente in das Spiel zu bringen. Der Erfolg bleibt bislang aus. Obwohl man im Vorjahr mit 18,4% langer Bälle die mit Abstand meisten langen Bälle der Bundesliga spielte, kam man offensiv ausreichend zur Geltung.

Was das Spiel der Bochumer auszeichnete, waren aber vielmehr die Zweikämpfe und Balleroberungen in tornahen Räumen. Diese gehen dem Spiel der Reis-Elf bislang komplett ab. Zweitgeringste Laufleistung und die wenigsten gewonnen Zweikämpfe der Liga bringen die aktuellen Probleme auf den Punkt.







Ein weiterer Faktor ist die fehlende Abstimmung im Mittelfeldzentrum. In der Vorsaison war es das 3er-Mittelfeld, das sich gut ergänzte und mit defensiv ausgerichteten Spielertypen gestaltet wurde. Aktuell agiert Neuzugang und Rückkehrer Kevin Stöger neben Dauerbrenner und Kapitän „Toto“ Losilla auf der Doppelsechs. Stöger konnte schnell zeigen, dass er spielerisch eine absolute Bereicherung für das Spiel der Bochumer ist. Gerade Losilla stößt neben dem offensiv ausgerichteten Spielgestalter aber an Grenzen. Im 4-3-3 der Vorsaison konnte der Kapitän zentral vor der Abwehr agieren und seine Kopfball- und Zweikampfstärke einbringen ohne häufig ins Tempo gehen zu müssen. Als Teil einer Doppelsechs – wie sie aktuell gespielt wird – ist der zu bearbeitende Radius wesentlich größer, da die Halbräume mit abgedeckt werden muss, was den Franzosen aktuell sichtlich überfordert.

Wenn ich kein Bochumer bin, wer dann?

Auch wenn Reis seine Liebe zum VfL mit diesem Satz erst erneuerte, scheint intern nicht alles reibungsfrei zu laufen. Gegen den Rekordmeister aus München konnte man schon in der Anfangsphase hitzige Diskussionen zwischen Torhüter Riemann und seinen Vorderleuten wahrnehmen, die nicht gerade nach Harmonie aussahen. Auch wenn man hier sicherlich viel hineininterpretieren kann. Zweifelsohne ein Thema ist die Vertragssituation rund um Cheftrainer Thomas Reis. Schon im Sommer gab es Gerüchte um eine Rückkehr des Erfolgstrainers zum VfL Wolfsburg. Bislang konnten sich Reis und Bochum nicht über eine Verlängerung einigen, was das ganze Umfeld beschäftigt.

Rückkehrer machen Mut

Letztes Jahr war im Laufe der Saison die eingespielte Mannschaft ein großes Plus im Kampf gegen den Abstieg. Auch hier kamen einige Stammspieler erst später hinzu, was sicherlich auch einen Teil zum holprigen Saisonstart beitrug. Vor allem in der Defensive zeigt sich die noch fehlende Abstimmung. Ordets und Heintz sind zwar im Zweikampf gut, verfügen jedoch nicht über das gewünschte Tempo für die durchaus hochstehende Abwehrkette. Von Spiel sollte das Verständnis zwischen den beiden erfahrenen Innenverteidigern aber besser werden.

Der enttäuschende Saisonstart lässt sich aber nicht einzelnen Personalien zuschreiben, viel mehr fehlt es an einer geschlossenen Mannschaftsleistung, was auch auf die vielen Personalprobleme zurückzuführen ist. Zu viele Spieler leiden noch unter Fitnessrückstand und mangelnder Spielpraxis. Fehlende Automatismen und Abläufe sind die Folge. Womöglich hat Reis auch deshalb noch nicht sein System gefunden. Im Vorjahr meist im 4-3-3, ist er aktuell noch auf der Suche. 4-2-3-1, 3-4-1-2 und 4-Raute-2 lauteten die Versuche in der noch jungen Saison – der Erfolg blieb bislang aus.

Eine Rückkehr zum Erfolgssystem scheint denkbar. Bislang fehlten Stafylidis, Osterhage und Goralski, die Optionen für das Mittelfeldzentrum sind. Auch ein Neuzugang soll noch kommen. Die bisherigen defensiven Standardprobleme – vor allem nach Eckbällen – sind zwar eklatant, aber relativ einfach abzustellen.

In der Offensive konnte man mit Lys Mousset nochmal nachlegen. Der neue Stürmer bringt die Erfahrung von 5 Saisons in der Premier League mit. Auch Hofmann und Zoller konnten bereits zeigen, dass sie wichtige Faktoren im Kampf um Punkte sind und werden. In der Offensive ist man tendenziell stärker aufgestellt als letzte Saison.

 

Saisonstart verpatzt – na und?

Der Saisonstart war zweifelsohne sehr enttäuschend, aber kommt keinesfalls aus dem Nichts. Ein bisschen ist man in Bochum sicherlich „Opfer“ der eigenen Leistungen. In den letzten 2 Jahren konnte man stets begeistern, wodurch die Erwartungshaltung im Umfeld gestiegen ist. Nach wie vor hat der VfL den geringsten Marktwert aller Bundesligisten – mit Abstand.

Verein Marktwert Marktwerttabelle
FC Augsburg 98,90 Mio € 13
Union Berlin 90,80 Mio € 14
FC Köln 88,63 Mio € 15
Schalke 04 72,65 Mio € 16
Werder Bremen 62,40 Mio € 17
VfL Bochum 46,50 Mio € 18

Dass die treuen Fans die Lage realistisch einschätzen können, sah man nicht zuletzt gegen die Bayern. Auch nach dem 0:7 zeigten die Bochumer einen beeindruckenden Support, der viele Spieler sichtlich überraschte. Dieses Zeichen von Zusammengehörigkeit benötigt die Mannschaft und der gesamte Verein. Parallelen zeigen sich zum Heimspiel gegen den VfB Stuttgart in der vergangenen Saison. Beim 0:0 am 6. Spieltag steckte der VfL tief im Tabellenkeller. Nach Abpfiff erhielten die Spieler viel Zuspruch und Applaus – eine Signalwirkung. Der Aufschwung erfolgte kurz darauf, der Weg zum Klassenerhalt wurde geebnet. Warum nicht erneut?

Wenn die Vergangenheit eins gezeigt hat – in Bochum gibt man nicht auf! Unter Reis konnte man immer wieder Comeback Qualitäten beweisen. Es wäre nur logisch, wenn man erneut zurückschlägt. Totgesagte leben bekanntlich länger.

 

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Datenquelle: wyscout.com
Hintergrundbild bestehend aus:
© VfL Bochum 1848 / Vonovia / CC-BY-SA 3.0 (DE), Vonovia Ruhrstadion 2016 dayCC BY-SA 3.0 DE
Silesia711ManuelRiemann, Hintergrund, CC BY-SA 4.0

Co-Founder & Analyst bei ballorientiert

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