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VfB Stuttgart – wieder Abstiegskampf oder darf es mehr sein?

Nach dem Last Minute Klassenerhalt hofft man beim VfB Stuttgart auf eine sorgenfreie Saison ohne Abstiegskampf. Die Vorbereitung auf die Saison war nicht immer einfach. Der Fall Karazor und die nach wie vor herrschende Unklarheit bei Sosa und Kalajdžić machten es für Matarazzo nicht leicht. Ballorientiert blickt auf die Saison der Schwaben voraus. Inwiefern stellt man seinen Spielstil um, wer kommt und geht noch und reicht es für mehr als den Abstiegskampf?
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Sprints: Platz 13 (Vorsaison Platz 3)
Intensive Läufe: Platz 15 (Vorsaison Platz 6)
Laufleistung (in km): Platz 15 (Vorsaison Platz 12)

Die Daten im physischen Bereich gingen beim VfB in der letzten Saison im Vergleich zum ersten Bundesligajahr unter Matarazzo stark nach unten. Auch offensiv lief es lange nicht so rund. Mit 41 Toren erzielte man 15 weniger als in der Saison 20/21. Keine Rückschritte hatten die Schwaben hingegen in Statistiken, die den Ballbesitz betreffen, vorzuweisen. Das Problem war, dass viel zu wenig aus diesem gemacht wurde. Oftmals fehlten Tempowechsel und Tiefenläufe. Auch aus diesem Grund, deutet die Vorbereitung der Schwaben auf eine Veränderung des Spielstils hin.

 

  1. Schnelles Vertikalspiel als VfB-Stärke
  2. Matarazzo forciert das Umschaltspiel
  3. Pellegrino Matarazzo – weg von der flachen Hierarchie
  4. So könnte der VfB spielen
  5. Kader: Mangala-Ersatz? Kalajdžić-Nachfolger?
  6. Abstiegskampf oder darf es mehr sein?




Schnelles Vertikalspiel als VfB-Stärke

Nach dem Aufstieg begeisterte der VfB die Bundesliga mit seinem temporeichen Offensivfußball. Matarazzo setzte auf einen dominanten Spielstil, der mit Zug nach vorne gerichtet war. Ziel war es, möglichst schnell mit flachen Vertikalpässen aus der Abwehr in die Offensive zu kommen. Durch kluge Bewegungen im Zentrum erarbeitete man sich häufig ein numerisches Übergewicht, das man durch schnelle Steil-Klatsch Kombinationen nutzen konnte.

Im vergangenen Jahr erweiterte man anfangs den Fokus auf den eigenen Ballbesitz. Taktisch und personell war das Potenzial dafür absolut gegeben. Phasenweise blitzte das Potenzial der Schwaben immer wieder auf. Nicht selten waren Fans verwundert, wie eine Mannschaft so gut Halbräume bespielt, so weit hinten in der Tabelle sein kann. Unter anderem aufgrund von Verunsicherung und zwischenzeitlich defensiverer Matchpläne verlor man etwas den Glauben an die eigene Stärke. Gegen Ende der Saison war der VfB aber wieder erfolgreich. Durch das Last Minute Tor von Endo konnte man den Abstiegskampf erfolgreich hinter sich lassen.

 

Matarazzo forciert das Umschaltspiel

Die jetzige Vorbereitung und auch das Pokalspiel in Dresden ließen erahnen, in welche Richtung es beim VfB in dieser Saison gehen soll. Der Fokus soll auf ein temporeiches Spiel gelegt werden. Weniger quer – mehr Tiefe.

VfB Stuttgart 5-2 FC Valencia
33% Ballbesitz 67%
16 Schüsse 8
219 Gespielte Pässe 513
80% Passgenauigkeit 87%
3 Eckbälle 5
21 Fouls 11
5 Abseits 0

Die Statistiken (Quelle: wyscout) zeigen es klar – der Fokus auf viel Ballbesitz ist nicht mehr so stark ausgeprägt. Auch beim Drittligisten aus Dresden hatte der VfB am Ende weniger den Ball als der Gegner. Gleich geblieben ist die Dreierkette, auf die Matarazzo meistens setzt. In der Regel wird diese von den beiden Schienenspielern sehr asymmetrisch interpretiert. Mit verschiedenen Pressinghöhen und viel Aktivität gegen den Ball soll die Intensität im Spiel der Schwaben wieder erhöht werden.




Erste Rückschläge gab es aber bereits in der zweiten Halbzeit im DFB-Pokal. Keine Griffigkeit im Spiel, unforced errors, mitunter große Abstände zwischen den Mannschaftsteilen, wenig Esprit nach vorne und schwach ausgespielte Konterchancen. Auch VfB-Trainer Matarazzo zeigte sich wenig begeistert vom Spiel seiner Mannschaft. „Ich will nicht sagen Nichtleistung, aber doch Wenigerleistung“ fasste der Coach die zweite Hälfte seines Teams zusammen.

Ansonsten verlief die Vorbereitung aber sehr vielversprechend. Das Umschaltspiel zeigte sich klar verbessert. Die Entscheidungsfindung der Offensivspieler hingegen ist nach wie vor stark ausbaufähig, was aber sicherlich auch am jungen Alter liegt. Vielversprechende Aktionen werden mitunter in der Entstehung schon zunichte gemacht, weil man das Dribbling sucht anstatt zu spielen oder den eher ungünstigen Abschluss sucht anstatt zu verzögern oder Ähnliches. Auf der anderen Seite kann genau diese Unbekümmertheit gepaart mit einem frechen und mutigen Auftreten auch zur Stärke und Unberechenbarkeit werden. In Puncto Pressingabläufe, Kompaktheit und dem Umschaltspiel merkt man klare Verbesserungen. In Sachen Effizienz, ballfernen Laufwegen und Chancenkreation gegen einen geordneten Gegner sieht man weiterhin Baustellen. Auch die erneut etwas träge Vorstellung gegen Dresden erinnerte den ein oder anderen VfB Fan an enttäuschende und leer wirkende Auftritte der Vorsaison.

 

Pellegrino Matarazzo – weg von der flachen Hierarchie 

Ich mag Details, gehe gerne in die Tiefe. Aber ich definiere Rollen und Struktur im Team heute anders. Früher wollte ich jeden Spieler mitnehmen und habe auf eine flache Hierarchie gesetzt. Hier würde ich sagen, hat sich meine Herangehensweise verändert.

Im Interview mit der STZ gab der 44- Jährige zu, in Sachen Teamführung auch den ein oder anderen Fehler gemacht zu haben. Kritische Stimmen äußerten bereits letztes Jahr, dass der ein oder andere Spieler taktisch hin und wieder ein bisschen überfordert wurde und dafür es an Motivation von außen fehlte. Matarazzo erlebte damit etwas, was viele ehemalige Jugendtrainer durchmachten. Nach anfänglichen Versuchen, jeden – wie in der Jugend – gleich zu behandeln, kommt es eben doch anders. Da eine Profimannschaft aufgrund der Unterschiede in der Persönlichkeitsentwicklung ganz anders harmoniert und funktioniert. Mittlerweile steht Matarazzos Umgang mit seiner Mannschaft für Klarheit, zu der auch unbequeme Wahrheiten gehören. Auch eine klar definierte Führungsachse ist für „Rino“ mittlerweile unerlässlich. Ein harter Hund ist und wird er aber wahrscheinlich nicht mehr. Konsequent und effizient trifft es besser.

Übrigens: Sollte Pellegrino Matarazzo bis zum Ende der Saison VfB-Trainer bleiben, ist er so lange im Amt wie es seit den 60er-Jahren es kein Coach mehr beim VfB war.

 

 So könnte der VfB spielen

Ein großes Problem der vergangenen Saison war die fehlende Torgefahr aus dem Mittelfeld. Vor allem die „Zehner“ konnte zu keinem Zeitpunkt überzeugen. Weder Förster, Klimowicz noch Didavi konnten ihre Bundesligatauglichkeit konstant nachweisen. Auch deshalb deutet vieles auf eine Systemumstellung hin. In der Vorbereitung agierten die Schwaben mit 2 Stürmern, um mehr Gefahr und Präsenz in der letzten Linie herzustellen.

So könnte der VfB Stuttgart mit Trainer Matarazzo zum Bundesligaauftakt spielen.
Mögliche Aufstellung der Stuttgarter unter Matarazzo zum Bundesligastart.

Der VfB wird im 3-5-2/3-1-4-2 auflaufen. Gegen den Ball erfolgt häufig der Switch zum 3-4-3. Eine Schlüsselrolle wird von Chris Führich erwartet. Der 24-Jährige war die meiste Zeit offensiv auf dem Flügel zu Hause. Für diese Saison scheint ihm die Rolle auf der „Acht“ anvertraut zu werden. Die große Stärke des früheren Paderborners ist seine Spielintelligenz. Gegen den Ball wird er sich nach links vorne schieben und in der ersten gegnerischen Reihe stören. Mit Ball wird von ihm eine zentrale Rolle erwartet. Er soll Bälle treiben, dribbeln und Bälle in die Tiefe spielen. Führich fühlt sich zwischen den Linien durchaus wohl und weicht gerne nach links aus, um die Seite zu überladen.




Variabilität soll im Fokus stehen, was man in der Vorbereitung schon erkennen konnte. Die Raumbesetzung war sehr flexibel. Mitunter besetzte auch der nominelle Linksaußen Silas die Position auf der offensiven Acht situativ im eigenen Ballbesitz. Da man in der abgelaufenen Saison viele Probleme im letzten Drittel hatte, soll sich dies nun durch „geplante Chaos“ verbessern.

 

Kader: Mangala-Ersatz? Kalajdžić-Nachfolger?

Viele steht und fällt mit der Personalie Atakan Karazor. Wird er zeitnah spielfit und bleibt dies, kommt definitiv kein Ersatz für den abgewanderten Mangala mehr. Falls doch, ist Nicolas Raskin als möglicher Kandidat für die „Sechs“ interessant. Der Belgier ist mit 21 Jahren ein Spieler ganz nach dem Geschmack von Mislintat und Matarazzo. Raskin ist der klassisch neudeutsche „Deep-Lying Playmaker„, dessen Skillset ein absolutes Upgrade für das VfB-Mittelfeld darstellen würde. Der Belgier versteht es, das Spiel zu gestalten und ihm die nötigen Tempowechsel mitzugeben. Beleg dafür sind seine 40 vertikalen Pässe pro Spiel aus der letzten Saison in Belgien, von denen 85% ankamen. Raskin wurde in Gent mit 16 Jahren der jüngste Spieler der Jupiler Pro League. Auch in der belgischen U21-Nationalmannschaft ist er aktuell das Herzstück. Sucht man einen deutschen Spieler, mit dem Raskin Ähnlichkeiten hat, kann man Niklas Dorsch nennen. Beide ähneln sich von der Spielweise.




Plant man aber fest mit Karazor, wird kein Externer dazukommen. Dann wird „Ata“ die Rolle im defensiven Mittelfeld einnehmen. Davor sind Kapitän Endo – der aktuell Karazors Position besetzt – und Führich wohl gesetzt. Die Gewinner der Vorbereitung Ahamada und Millot werden nicht locker lassen und konnten ihr großes Talent bereits mehrfach aufblitzen lassen. Auch Nartey und Egloff sind weiter als in der Vorsaison und fester Bestandteil der VfB-Planungen.

Geld hingegen investiert man noch in den Sturm. Luca Pfeiffer kommt und soll als Kalajdžić Back-Up fungieren. Nicht als fester Ersatz. Wechselt der Österreicher doch noch, wird man nochmal tätig. Pfeiffer arbeitete sich in seiner Karriere kontinuierlich nach oben. Angefangen in der Oberliga, konnte er vor allem in der letzten Saison bei Darmstadt auf sich aufmerksam machen. Mit 17 Toren und 6 Vorlagen war der Stürmer ein Garant für die starke Spielzeit. Mit 196cm Körpergröße bringt der Neuzugang Qualitäten mit, die dem VfB in Kalajdžić‘ Abwesenheit schmerzlich fehlten.

Einen möglichen Abgang Sosas wird man auch intern auffangen. Bereits in der Vorbereitung konnte Silas auf der linken Seite überzeugen. Selbsterklärend, dass er die Rolle ganz anders interpretiert als der Kroate.

 

Abstiegskampf oder darf es mehr sein?

Der VfB Stuttgart ist seit drei Jahren ein unheimlich spannendes Projekt. Fraglich, ob dieses einen Abstieg ohne weiteres überstanden hätte. Schön, dass am mutigen Ansatz auch in so einer schwierigen Saison festgehalten wurde. Und umso schöner, dass es belohnt wurde. Das Ziel ist auch für die kommende Saison der Klassenerhalt. Diesmal aber wenn möglich etwas stress- und sorgenfreier. Das Potenzial dafür ist allemal da. Dennoch wird der VfB am Ende rein qualitativ sich nicht verbessert haben. Abgänge von Mangala und eventuell Sosa/ Kalajdžić wird man nicht adäquat ersetzen können. Hoffnung macht zum einen die Rückkehr von Silas, der das Offensivspiel beleben soll. Auch Darko Churlinov konnte zeigen, warum unter anderem Burnley an ihm interessiert ist. Spannend wird sein, ob die hochgelobten Talente für das zentrale Mittelfeld ihre Bundesligatauglichkeit schon früh beweisen können. 

Teams wie Bochum, Bremen, Schalke oder Augsburg kann und sollte der VfB hinter sich lassen. Auch Hertha, Mainz und Köln sind durchaus auf Augenhöhe. Ein Platz zwischen 10 und 13 scheint realistisch. Findet das junge Team schnell zusammen und schafft es, Wiederständen zu trotzen, ist auch mehr möglich. Das Potenzial im Kader der Schwaben ist riesig. Die Gefahr, dass es nicht läuft und man in den Trott des Vorjahres verfällt, ist aber natürlich auch gegeben. Entscheidend wird der Saisonstart sein. Bereits in den ersten 5 Spieltagen trifft man daheim auf die Aufsteiger aus Bremen und Schalke. Für die Stimmung und Entwicklung im „Ländle“ wären frühe Punkte extrem wichtig.

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Beitragsbild: eollo von VfB-exklusiv.dePellegrino MatarazzoCC BY-SA 4.0

Co-Founder & Analyst bei ballorientiert

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