Analyse

Last Minute Bülter egalisiert Farkes Geduld – Taktik Analyse

In einem packenden Topspiel mit verschiedenen Spielphasen trennen sich die Teams von Frank Kramer und Daniel Farke am Ende 2:2 Unentschieden. Ballorientiert analysiert die Partie vor allem aus taktischer Sicht. Was Schalke sowie Gladbach schon gut machen, wo aber auch noch viel Luft nach oben ist und vieles mehr jetzt bei uns.
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Last Minute Bülter egalisiert Farkes Geduld

Ausgangssituation

Nach dem Schalker VAR-Ärger der letzten Woche setzte sich von Tag zu Tag mehr die Vorfreude auf das erste Bundesligaheimspiel nach dem Aufstieg durch. Frank Kramer sprach im Interview vor dem Spiel regelrecht von „Pipi in den Augen“ beim Anblick der gewohnt zahlreichen und stimmungsvollen Schalker Anhänger.

Mutiger sein, aber auch kompakt und mit der nötigen Intensität.

Lautete die Antwort Kramers auf die Frage nach dem Matchplan. Nach einer guten Anfangsphase verlor man spätestens nach der roten Karte in Köln den Mut im Spiel nach vorne.







Auf der anderen Seite war die Stimmung im Borussia Park nach dem Auftaktsieg gegen Hoffenheim bestens. Nach einer gelungenen Vorbereitung konnte man die guten Leistungen auch in die ersten beiden Pflichtspiele transportieren. Der neue Trainer Daniel Farke ließ bereits erahnen, auf was die Gladbach Anhänger sich in der Saison freuen können. Gemeinsam möchte man zur spielerischen Klasse vorheriger Zeiten zurückkehren. Nicht umsonst nennt Farke bei der Frage nach seinen Trainer Vorbildern Pep Guardiola und Thomas Tuchel, die beide für einen ballbesitzorientierten Dominanzfußball stehen.

 

Aufstellungen

Während Gästetrainer Farke der zuletzt siegreichen Elf vertraute, wechselte Kramer 3x. Thiaw, Bülter und Terodde begannen für Kaminski, Polter (beide Bank) und Drexler (Rot-Sperre). Das Schalker 4-4-2 trifft auf das Gladbacher 4-2-3-1.

 

Gladbach hat den Ball, Schalke die Offensivaktionen

Schon in den ersten Minuten zeigte sich die Richtung, in die das Spiel verlaufen sollte. Wenig überraschend lag der Fokus auf Ballbesitz und Spielkontrolle klar auf Seite der Gäste. Schalke definierte sich über 90 Minuten klar über das Spiel gegen den Ball. Aber der Reihe nach.

Gladbach begann sehr variabel im Spielaufbau. Kramer rückte im 1. Durchgang häufig neben und zwischen die beiden Innenverteidiger Itakura und Elvedi. Koné positionierte sich folglich davor, wodurch die Fohlen häufig im 3-1 aufbauten. Schalke zeigte sich auf den flexiblen Aufbau gut eingestellt. Je nach Situation und Pressinghöhe gestalteten die Königsblauen ihr Anlaufverhalten flexibel. Situativ attackierten sie im klassischen 4-4-2 im Mittelfeldpressing, für das hohe Anlaufen schob Zalazar mit auf den linken Aufbauspieler, wodurch sich ein 4-3-3 ergab, mit dem man den Spielaufbau der Farke-Elf versuchte, schon im Keim ersticken zu lassen. Seine Ruhepausen nahm man sich im 4-4-1-1, bei dem sich Bülter hinter Terodde zurückfallen ließ.

Kramer stellte seine Schalker gut auf den Spielaufbau der Gladbacher ein.
Häufig gesehene Situation im 1. Durchgang. Die Gladbacher Innenverteidigung mit wenig Optionen in Ballbesitz gegen die gut eingestellte Elf der Schalker.

Durch die gut getimten Attacken auf den Ballführenden war Schalke vom Anpfiff weg gut im Spiel. Die Elf von Kramer war gegen den Ball sehr griffig und agierte mit Ball sehr zielstrebig nach vorne. Der nominell linke Mittelfeldspieler Mohr zog im Offensivspiel häufig in die Mitte. Den sich bietenden Platz nutzte der gewohnt offensiv auffällige Ouwejan, über den der Kramer-Elf häufig der Durchbruch auf dem Flügel gelang – über 70% der Schalker Angriffe im 1. Durchgang wurden über die linke Außenbahn initiiert.

 

Schalke trifft als Gladbach besser wird

Nach ca. 20 Minuten kam die Borussia besser auf. Die Elf von Farke besetzte das Zentrum mit viel Personal, da die beiden Flügelspieler Hofmann und Plea im Ballbesitz gerne nach innen zogen. Die Breite war folglich nur durch die beiden Außenverteidiger Scally und Bensebaini gegeben. Gerade als man vermehrt die erste Schalker Pressinglinie überspielen konnte, schlug Schalke eiskalt zu. Die Borussia hatte über weite Phasen eine sehr gute Konterabsicherung, in der 29. Minute nicht. Nach einem Ballverlust in der Schalker Hälfte konnten sich die Königsblauen gut und schnell befreien. Vom Zentrum nach links verlagert und schnell nach vorne auf den eingerückten Zalazar. Der Gladbacher 6er Raum war nicht besetzt. Beim 3 gegen 3 fühlte sich kein Gladbacher für Zalazar verantwortlich, der aus 25 Metern Sommer überwinden konnte, der dabei zumindest eine unglückliche Figur abgab.







Unmittelbar nach dem Führungstreffer hatte das Team von Kramer das Momentum auf seiner Seite und war mit vielen Flankenbällen und zweiten Bällen präsent. Die Präzision ließ aber zu wünschen übrig. Am Ende des Spiels stehen bei der Heimmannschaft 22 Flanken zu Buche. Gerade einmal 2 fanden den eigenen Mann. Zum einen aufgrund einer starken Boxverteidigung Gladbachs – zum anderen aufgrund mangelnder Genauigkeit der Hereingaben.

 

Verdiente Führung

Zur Halbzeit war die 1:0 Führung der Schalker durchaus verdient, die xG (expected Goals) Statistik von 0,79xG – 0,4 xG bestätigt dies. Gladbach spielte zwar durchaus gefälligen Fußball, fand aber die theoretisch vorhandenen Räume nicht. Auch wenn Schalke sehr kompakt und mit engen Abständen verteidigte, hätte die Borussia viel häufiger verlagern und die ballferne Seite nutzen können. Durch das sehr ballorientierte Verschieben der Königsblauen war der andere Flügel häufig verweist, was das Team von Farke aber zu selten nutzen konnte. Die Schalker spielten sehr intensiv und mit viel Aufwand – schon zur Pause liefen sie mit 59km fast 6km mehr als die Elf vom Niederrhein. Mitunter war die Partie etwas zäh anzusehen. Das lag daran, dass Schalke den Gegner auf den Flügel locken wollten, um dort zuzustechen. Den „Gefallen“ tat die Borussia dem Team von Frank Kramer aber nicht. Folglich wurde oft „um den heißen Brei herumgespielt“.

 

Farke ändert die Struktur

Auch wenn personell zu Beginn der 2. Halbzeit keine Änderungen vorgenommen wurden, war das Spiel von nun an ein anderes. Farke änderte die Statik im Aufbau und Positionsspiel. Der im 1. Durchgang häufig gesehene 3-1 Aufbau wich dem 2-2 in der Spieleröffnung. Kramer schob ein bisschen weiter nach vorne in den rechten 6er- und mitunter schon 8er- Raum um Bülter tiefer zu binden. Hofmann gab von nun an die Position des rechten Breitengebers, Außenverteidiger Scally agierte dafür eingerückt. Einhergehend mit der neuen Struktur änderten sich auch die Abläufe im Gladbacher Angriffsspiel. Die Borussia agierte weiträumiger und bei weitem nicht mehr so statisch wie im 1. Durchgang – Farke vertraute nach wie vor demselben Personal und verzichtete auf Wechsel.

Daniel Farke stellte zu Beginn der 2. Halbzeit taktisch ein bisschen um. Der Borussia tat es gut - Schalke wurde müder.
Daniel Farke stellte zu Beginn der 2. Halbzeit taktisch ein bisschen um. Der Borussia tat es gut – Schalke wurde müder und die Abstände größer.

 

Schalke wirde müde – Gladbach dreht auf

Den Schalkern war von Minute zu Minute das hohe Tempo im 1. Durchgang mehr anzumerken. Zuvor waren die Abstimmung zwischen hoher letzter Kette und dem dafür benötigten Balldruck auf den gegnerischen Aufbau stets abgestimmt, ab Mitte der 2. Halbzeit nicht mehr. Die Abstände zwischen den Ketten wurden größer. In der 72. Minute verpasste Schalke, den Ballführenden Kramer frühzeitig unter Druck zu setzen. Die Staffelung in der Schalker Hintermannschaft war gleichzeitig nicht gut. Bei der Annahme, bei der Weiterleitung und bei der Torvorlage von Thuram kam man folglich jeweils einen Schritt zu spät. Hofmann ließ sich dies nicht nehmen und glich zum 1:1 aus.







Spätestens jetzt drehte sich das Momentum komplett. Schalke wurde immer weiter in die eigene Hälfte zurückgedrängt. Kaum noch konnte man mit der Kette kompakt nachschieben. Auch der eigene Rückraum verwaiste immer öfter. 6 Minuten später bekamen die Königsblauen die Quittung. Nach einer Ecke patzte Schwolow und Gladbach ging durch Thuram in Führung. Somit drehte sich die Statik im Spiel in der 80. Minute das erste Mal komplett. Nachdem zuvor die Borussia die Mannschaft war, die mehr für das Spiel tat, waren auf einmal die Königsblauen gefragt.

 

Last Minute Bülter egalisiert Farkes Geduld

Daniel Farke schien mit den Fohlen den zweiten Sieg der Saison einfahren zu können – weil er die Geduld behielt. Als in verschiedenen Foren einige Gladbachfans sich schon wieder im Abstiegskampf währten, vertraute Farke seiner Mannschaft und seiner Idee. Auch deshalb wechselte er in der 88. Minute das erste Mal – im Nachhinein hätte er vielleicht komplett darauf verzichtet. In der Schlussphase deutete wenig auf den Schalker Ausgleich hin. Die Königsblauen schienen vom enorm hohen Aufwand und den Nackenschlägen gebeutelt. Vereinzelte lange Bälle waren relativ leichte Beute für die Hintermannschaft der Borussia. Nach einem Handspiel des eingewechselten Herrmann erhielt Schalke aber doch noch die Chance vom Punkte, einen Punkt in Gelsenkirchen zu lassen. Den Last Minute Ausgleich ließ sich Bülter nicht entgehen und egalisiert somit Farkes Geduld, die fast belohnt wurde.

 

Fazit – verdientes 2:2 Unentschieden

Am Ende des Spiels sind beide zufrieden mit dem Ergebnis – und irgendwie auch nicht. Während die Schalker ihren Plan über 60 Minuten nahezu perfekt durchziehen konnten, dann aber auch aufgrund vermeidbarer Gegentore in Rückstand gerieten, kann man mit dem Last Minute Punktgewinn sicherlich leben. Gladbach ist mit 4 Punkten trotz der unglücklichen letzten Aktion ein guter Start geglückt – dennoch bleibt es dabei, dass man seit 1995 nicht die ersten beiden Spiele gewinnen kann. Die 2. Hälfte macht den Anhängern der Borussia sicherlich Mut. Die hohe individuelle Qualität in der Offensive gepaart mit einer klaren fußballerischen Spielidee, die das schnelle Spiel durch das Zentrum favorisiert, kann noch für viel Spaß sorgen. Schalke hat gezeigt, dass es in der Bundesliga mithalten kann und hat zugleich erfahren, dass nur wenige schwächere Minuten bereits eiskalt bestraft werden.

Für die Elf von Farke gilt es schon im kommenden Heimspiel gegen die Hertha, konstanter das Tempo hochzuhalten. Vor allem in der 1. Halbzeit fehlte oft das Tempo. Auch aufgrund fehlender Positionsrochaden und nicht vorhandenen Auftaktbewegungen, um Räume zu öffnen. Weitere Alternativen für die Offensive im Kader sind noch gesucht. Kramer und seine Mannschaft müssen die Leistung der ersten 60 Minuten wiederholen – auch in Zukunft wird das Spiel gegen den Ball das Kernthema sein. So wahrscheinlich auch im nächsten Spiel in Wolfsburg. Insgesamt ein gelungener Fußballabend mit verschiedenen Phasen im Spiel und einem gerechten Unentschieden.

 

MATCHFACTS (Quelle: bundesliga.de)

Statistik Schalke Gladbach
Ballbesitz 35% 65%
Schüsse (aufs Tor) 14 (5) 14(9)
Expected Goals 1,69 1,52
Passquote 75% 86%
Laufdistanz 115,5 km 107 km
Sprints 201 144
Endstand 2 2

 

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Hintergrundbild bestehend aus: Wo st 01 / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0-DE, 2010-06-03 Arena AufSchalke 01, CC BY-SA 3.0 DE

Co-Founder & Analyst bei ballorientiert

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