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Ist Frank Kramer der richtige Trainer für Schalke?

Frank Kramer war wohl nicht die Wunschlösung der Schalker. Den Ex-Bielefelder erwartete man eher in der 2. oder 3. Liga - warum die Wahl der Königsblauen auf Kramer fiel und was man unter ihm erwarten kann, erfahrt ihr hier.
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Frank Kramer und Schalke – passt das?

Keine große Überraschung mehr, aber jetzt ist es offiziell – Frank Kramer ist neuer Trainer auf Schalke. Der Ex-Bielefelder wird mit großer Skepsis empfangen. Sportdirektor Rouven Schröder erntet für die Verpflichtung Frank Kramers mitunter heftige Kritik. Zurecht? Das erfahrt ihr bei ballorientiert. 




Beitragsbild: Orchi, Schalke 04 Fans 664, Schnitt , CC BY-SA 3.0 und Werner100359, FC Salzburg U19 gegen Derby County U19 (4. März 2020 UEFA Youth League Achtelfinale) 63, CC BY-SA 4.0

 

Inhaltsverzeichnis
1. Frank Kramers Trainerkarriere
2. Was spricht für Frank Kramer
3. Wie lässt Frank Kramer Fußball spielen?

 

Frank Kramers Trainerkarriere

Der gebürtige Memminger übernahm 2004 nach seiner Spielerlaufbahn (128 Einsätze in der Regionalliga) die Reserve der SpVgg Greuther Fürth. Beim Kleeblatt blieb Kramer bis 2011 und trainierte neben der 2. Mannschaft auch die A-Jugend der Fürther. In jeder Saison gelang ihm der souveräne Klassenerhalt, was nicht unbemerkt blieb.

Die TSG Hoffenheim verpflichtete Kramer 2011 – ebenfalls für die Reservemannschaft. Für 2 Spiele durfte der Sport- und Englischlehrer sogar interimsmäßig in der Bundesliga coachen. Mit einem starken 3. Platz in der Regionalliga verabschiedete sich Frank Kramer.

Er kehrte zurück zum Kleeblatt. Diesmal in der Bundesliga. Den Abstieg konnte er allerdings in nur 9 Spielen nicht mehr verhindern. In seiner ersten kompletten Saison im Profibereich gelang ihm beinahe der sofortige Wiederaufstieg. Obwohl man über weite Phasen auf einem direkten Aufstiegsplatz stand, musste man sich mit Platz 3 und somit der Relegation zufrieden geben. Aufgrund der Auswärtstorregel unterlag man äußerst unglücklich dem HSV.  Auch wegen einiger Abgänge konnte Kramers Team in der Folgesaison nicht an die Leistungen der Vorsaison anknüpfen. Im Niemandsland der Tabelle wurde der neue Schalke-Trainer Anfang der Rückrunde entlassen.

Zur Saison 2015/16 verpflichtete ihn Fortuna Düsseldorf – mit Peter Herrmann als Co-Trainer. Der Erfolg blieb trotz anfänglicher Euphorie komplett aus. Als Tabellenvorletzter wurde Frank Kramer noch in der Hinrunde entlassen.

Daraufhin folgten Stationen bei verschiedenen U-Nationalmannschaften des DFBs. Die Arbeit Kramers wurde hier durchgehend positiv gesehen.

2019 wurde er bei RB Salzburg Leiter der Nachwuchsabteilung. Gleichzeitig kümmerte er sich um die U-19 in der Youth League, in welcher man das Halbfinale erreichte.

Seine letzte Station war die Arminia aus Bielefeld. Als Nachfolger des beliebten Uwe Neuhaus herrschte ähnlich wie jetzt auf Schalke wenig Zuversicht bei seiner Verpflichtung. Dennoch stand am Ende der Saison der überraschende Klassenerhalt zu Buche – der bislang vielleicht größte Erfolg seiner Trainerkarriere. In der Spielzeit 2021/22 konnte man zwischenzeitlich zwar überzeugen, aber gegen Ende der Saison ging der Arminia die Puste aus. Mit nur 1 Punkt aus den letzten 7 Partien wurde er am 30. Spieltag entlassen. Die Mannschaft stand – wie auch am Saisonende auf Rang 17 und stieg ab.

 

Was spricht für Frank Kramer?

Kritik aus Bielefeld




Zugegeben – die Pro-Seite ist nicht gigantisch lang. Auch in diversen Internet-Foren wurde schnell klar, dass die Mehrheit wenig begeistert von Frank Kramer ist. „Ich gebe ihm eine Chance“ war noch einer der positivsten Kommentare. Auch im Lager der Arminia reagierte man überwiegend mit Häme auf die Schalker Verpflichtung. Die Fans bemängelten, dass man in Kramers kompletter Amtszeit keine Spielidee erkennen konnte. Offensiv war man nur durch Überraschungsmomente von Okugawa und Wimmer gefährlich. Noch dazu verlor er gegen Ende wohl große Teile der Kabine. Vor allem mit älteren Führungsspielern sei das Tischtuch zerschnitten gewesen.

Frank Kramer und Rouwen Schröder kennen sich aus Fürther Zeiten.
Kennt Frank Kramer aus gemeinsamen Fürther Zeiten: Rouwen Schröder. © Olaf Kosinsky Olaf Kosinsky creator QS:P170,Q30108329 , 2018-08-16 PK Mainz05 Rouven Schröder-1533CC BY-SA 3.0 DE

Kein neuer Welttrainer

Die Verpflichtung Kramers ist kein Versuch, den nächsten Tuchel, Klopp oder Nagelsmann zu finden. Es ist viel mehr die Hoffnung, eine solide Saison zu spielen. Dafür steht auch Frank Kramer. Er ist nicht die Art von Trainer, dessen Mannschaften überraschend deutlich über ihrem Niveau spielen. Unter Wert verkauften sich seine Teams bislang aber auch selten. Man kann es als solides Mittelmaß beschreiben – viel mehr ist Schalke aktuell aus sportlicher Sicht leider auch nicht. Noch dazu verfügt Kramer über Erfahrung im Abstiegskampf und konnte diesen zumindest im ersten Jahr erfolgreich in Bielefeld gestalten.




Defensiv stabil

Seine größte Stärke war zuletzt, dass er schon schnell nach Amtsantritt in Bielefeld neue Impulse setzen konnte. Zeigte man sich zuvor häufig desolat, konnte man nach dem damals bundesweit bestaunten Wechsel praktisch von Tag 1 an eine Idee erkennen, die Kramer in relativ kurzer Zeit zu vermitteln wusste. In seinen 12 Partien 2019/20 blieb die Arminia 6x ohne Gegentor. Auch in der abgelaufenen Saison war Bielefeld über lange Zeit defensiv stabil und für keinen Gegner ein Selbstläufer. So konnte man beispielsweise in München überzeugen und auch beim Pokalsieger aus Leipzig mit 0:2 gewinnen. Problem war aber, dass man offensiv ohne jegliche Kreativität agierte.

 

Passend zur Schalker Philosophie

Was definitiv für Kramer spricht ist der Umgang mit jungen Spielern. Er findet einen Draht zu ihnen und schafft es sie auch menschlich und fußballerisch zu entwickeln. Er hatte selbst im Abstiegskampf keine Scheu junge Spieler einzusetzen. Das deckt sich sehr gut mit dem Schalker Weg. Aufgrund guter Nachwuchsarbeit und mangelnder Finanzkraft liegt es nahe, mit jungen Spielern und eigenen Talenten zu arbeiten. Sowohl beim DFB-Nachwuchs als auch in RB Salzburgs Nachwuchsabteilung machte Kramer einen guten Job. Noch dazu kennt sich Kramer darin aus, mit wenig Budget umzugehen. Sowohl in Fürth als auch in Bielfeld hatte er ähnliche Voraussetzungen.

 

Gutes Team

Dass Frank Kramer nicht der Favorit der Verantwortlichen war, wird schnell klar. Schalke war seit Wochen auf der Suche und Kramer von Beginn an frei. Wäre der Ex-Bielefelder die 1A-Lösung, hätte man sich schneller einigen können. Das gute Verhältnis zwischen Sportdirektor Schröder und Frank Kramer (gemeinsame Fürther Zeit) war ein ausschlaggebender Punkt. Der neue Trainer absolvierte 2013 die Ausbildung zum Fußballlehrer als Jahrgangsbester. Schalke-Legende und Co-Trainer Mike Büskens könnte als Menschenfänger gut zum Theoretiker Kramer passen. Bei der Arminia vermisste man vor allem Torgefahr nach Standards. Nach Freistößen oder Ecken war die Mannschaft derart ungefährlich, dass man sich mitunter fragte, ob sie das in Bielefeld überhaupt trainieren. Mit einem guten Standardtrainer wäre ein weiteres Problem abgedeckt.

 

Wie lässt Frank Kramer Fußball spielen?

Schlechteste Passquote, am wenigsten Ballbesitz, nur 27 und damit weniger erzielte Tore als Fürth. 
Platz 1 in Sachen Laufleistung, am meisten gewonnene Kopfbälle und die zweitbeste Zweikampfquote.
Betrachtet man nur die Zeit in Bielefeld, kommt man schnell zum Fazit, Frank Kramer sei ein reiner Defensivtrainer.
Gleich nach seiner dortigen Übernahme schaffte er es aber, die Mannschaft zu stabilisieren. Taktisch flexibel, starker Einsatzwille und immer gut auf den Gegner eingestellt. Auch die Spieler ordneten sich den Ideen Kramers unter, der die Stärken und Schwächen seiner Spieler gut einzusetzen wusste – vor allem Ritsu Dōan blühte auf.

Frank Kramer setzt in der Regel auf einer Viererkette – sein Favorit ist das 4-2-3-1. Insgesamt ist er in Sachen System aber flexibel und orientiert sich dabei gerne am Gegner. Im Spiel mit Ball offenbarte sein Team in letzter Zeit aber erhebliche Schwächen. Nicht umsonst gelang Bielefeld in Kramers letzten 7 Partien nur 1 Treffer. Weder nach Standards oder Kontern war man gefährlich. Von aus Passspiel kreierten Chancen ganz zu schweigen.

Doch das war nicht immer so.




Fokus auf eigenen Ballbesitz, abgestimmte, dynamische Angriffswege – in einer Liga, in der viele Trainer auf die defensive Seite des Spiels achten, war Fürth ein erfrischendes Mitglied.

Die SZ über Kramers Fürth, das in der Relegation gegen den HSV scheiterte.

Das zeigt, dass Frank Kramer ein flexibler Trainer ist. Er richtet seinen Spielansatz stark am Spielermaterial aus. In Fürth gelang seinem Team fast der Aufstieg – mit offensivem Fußball. Der Ansatz war damals stets ein spielerischer, nur selten wurde lang eröffnet. Mit mutiger Herangehensweise und guten Ideen im Ballbesitz galt Kramer als vielversprechendes Trainertalent. Der Weg danach war sehr steinig. Doch auch beim DFB und in Salzburg spielte Kramer keinen Defensivfußball. Wenn auch nicht immer der gepflegte Ballbesitz im Fokus stand, überzeugte man zumindest mit aktivem und hohen Pressing.

Da Schalke zumeist als Underdog in die Partie gehen wird, ist aber davon auszugehen, dass Frank Kramer seinen Ansatz aus Bielfeld übernehmen wird und sein Heil in der Defensive sucht. Die Schalker Fans können sich aber sicher sein, dass das Team in puncto Einsatz und Bereitschaft nicht enttäuschen wird. Spielerisch vielleicht schon.

Schalkes mögliche Aufstellung unter Frank Kramer.
So könnte Schalke in der kommenden Saison unter Frank Kramer spielen.






























Co-Founder & Analyst bei ballorientiert

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