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Bernd Hollerbach in Belgien: mit deutscher Innenverteidigung & japanischer Bundesligaerfahrung

Seit fast anderthalb Jahren ist Trainer Bernd Hollerbach nun bei VV St. Truiden im Amt und weiß u.a. dank zweier deutscher Innenverteidiger mit defensiver Stabilität zu überzeugen. Ballorientiert analysiert die aktuelle Lage des belgischen Erstligisten, der in der Offensive auf japanische Bundesligaerfahrung setzen kann.
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International unbekannt: VV St. Truiden

Hierzulande dürften selbst den größten Fußballkennern der belgische Erstligist VV St. Truiden maximal nur beiläufig ein Begriff sein. Wieso auch nicht? Denn in seiner bald 100-jährigen Vereinsgeschichte stehen lediglich ein Ligapokaltitel sowie zwei Teilnahmen am prestigeträchtigen UI-Cup im Portfolio. Dementsprechend gering ist das internationale Interesse am viermaligen Pro League-Aufsteiger aus der 40.000-Einwohner-Stadt Sint-Truiden. Doch insbesondere aus deutscher Sicht lohnt sich dennoch ein Blick zum aktuellen Tabellenelften in Belgien.  




Seit nunmehr fast anderthalb Jahren steht nämlich Bernd Hollerbach als Trainer an der Seitenlinie der Gelb-Blauen. Als Übungsleiter bekannt aus seiner Zeit bei den Würzburger Kickers und einem 8-Spiele-Intermezzo beim HSV heuerte der gebürtige Würzburger 2019 bei Royal Mouscron erstmals in Belgien an. Da der inzwischen liquidierte Verein damals schon mit Zahlungsproblemen zu kämpfen hatte, kam es nach dem souverän eingefahrenen Klassenerhalt zur Vertragsauflösung.  Nach einem Jahr Pause folgte 2021 die Unterschrift in Sint-Truiden, wo am Ende der ersten Saison ein starker neunter Platz heraussprang.

Hollerbachs stabile Defensive um Robert Bauer und Toni Leistner

Dass Hollerbach einige Zeit als Co-Trainer von Felix Magath fungierte, macht sich speziell in dieser Saison bei VV Sint-Truiden bemerkbar. In einer kompakten 5-3-2-Formation liegt der Fokus auf defensiver Stabilität. Mit lediglich 15 Gegentoren in 14 Spielen stellt die Mannschaft von Bernd Hollerbach außerhalb der Top-3 die beste defensive Belgiens.  

Teil dieser Abwehrkette sind die beiden deutschen Innenverteidiger Toni Leistner und Robert Bauer. Nachdem beide Spieler im September letzten Jahres noch ohne Verein dastanden, ließen sie sich von Hollerbachs Projekt in der belgischen Provinz Limburg überzeugen. Als schlagendes Argument diente dazu nicht nur die gemeinsame Sprache, wie Bauer in einem Interview erklärte im April: 

Ich habe schon in den Gesprächen im Sommer gemerkt, dass es hilft, dass der Trainer meine Vergangenheit kennt und ich mit ihm Deutsch sprechen kann. Aber auch völlig losgelöst von der Nationalität und der Sprache: Seine Philosophie passt sehr gut in diese Liga – auch deshalb sind wir so erfolgreich.

Kaum Raum und Chancen für St. Truidens Gegner

Neben den wenigen Gegentoren in dieser Saison lässt sich Hollerbachs Spielphilosophie auch an einigen weiteren Parametern festmachen.

Um nicht die Kompakt zu verlieren, überlässt man mit einem durchschnittlichen Ballbesitz von 46% in der Regel dem Gegner den Ball. Ebenso verzichtet man zu großen Teilen auf Angriffs-Pressing und lässt den Gegner im Aufbauspiel fast 12 Pässe spielen, ehe es zu einer eigenen Defensivaktion kommt. Selbst wenn sich der Gegner im Defensivdrittel der St. Truidener festsetzen sollte, verliert man auch hier nicht die Ruhe und bleibt diszipliniert im Defensivverbund. Statt sich in viele 1-gegen-1-Duelle verwickeln zu lassen, wartet man geduldig auf den richtigen Moment zur Balleroberung. Mit 42 abgefangenen Bällen pro Spiel verzeichnet man die drittmeisten der Liga. Folglich bietet man dem Gegner nur wenig Raum für gute Abschlusssituationen, wie ein Blick auf die erwartbaren Gegentore pro Schuss des Gegners (expected goals against) ebenfalls beweist. Während im Ligaschnitt ein Torschuss eine durchschnittliche Trefferwahrscheinlichkeit von rund 13% besitzt, schaffen es die Mannen von Bernd Hollerbach durch ihre gute Abwehrarbeit diesen Wert auf 11,2% zu minimieren. Nur Royale Union SG bietet im ligainternen Ranking dem Gegner weniger gute Chancen als STVV.

In der Summe ließ man somit Chancen für lediglich 15 Gegentore zu. Geht man nach den expected goals, so stellt das Team von Bernd Hollerbach aktuell die zweitbeste Defensive Belgiens.



Offensive Schwierigkeiten: nur 12 Tore in 14 Spielen

Warum man trotz der starken Abwehrarbeit „nur“ im Tabellenmittelfeld der Pro League zu Hause ist, verrät der Blick auf die Offensive. Denn nach 14 Spieltagen stehen gerade einmal magere 12 Tore zur Buche. Während man das eigene Tor respektable fünfmal sauber halten konnten, blieb man selbst gar siebenmal ohne eigenen Treffer. Keine Mannschaft trifft somit weniger als VV St. Truiden. Doch was ist Grund für die offensiven Schwierigkeiten?

Zum einen ist die Chancenverwertung der „Kanarienvögel“ ausbaufähig. Rund vier Tore mehr wären laut expected goals möglich gewesen. Nur vier Tore. Viel besorgniserregender ist die Tatsache, dass man sich nur Chancen für einen xG-Wert von 16,32 erspielen konnte. Größtes Problem ist das Herausspielen von guten Einschussgelegenheiten. Zwar gehört man nach Quantität der abgegebenen Schüsse zum oberen Drittel der Liga. Jedoch ist die Qualität eines durchschnittlichen Abschlusses der Limburger mit einer Torwahrscheinlich von nicht einmal 10% Ligatiefstwert.

Wir sind nicht die Mannschaft, die alle herspielt, aber wir stehen defensiv super gut und setzen nach vorne immer wieder Nadelstiche.

-Robert Bauer

Dabei lässt sich das Aufbauspiel der Hollerbach-Elf durchaus sehen. Durch eine ordentliche Passquote von über 82% schafft man es den Ball relativ ruhig durch die eigenen Reihen laufen zu lassen. Oftmals ist es einer der beiden Halbverteidiger, der durch progressive Pässe oder Läufe den Übergang ins Angriffsspiel einleitet. Der Durchbruch ins letzte Drittel gelingt in der Regel nicht mit langen Bällen, sondern im geordneten Positionsspiel. Dort angekommen fehlen den Kanarienvögeln allerdings die Ideen. Zu selten glückt der entscheidende Pass hinter die letzte Kette des Gegners, um eine gute Abschlusssituation herzustellen. Stattdessen spielt man die zweitmeisten Flanken der Liga, die nur in 31% der Fälle den Mitspieler finden. So ist es nicht sonderlich überraschend, dass nur drei Teams weniger Ballkontakte im gegnerischen Sechzehner verzeichnen können. Gezwungenermaßen versucht man es immer wieder aus der Entfernung. Doch auch dieses Mittel war trotz 85 Versuche nur einmal von Erfolg gekrönt.

Japanische Bundesligaerfahrung: Kagawa und Okazaki

An der fehlenden Offensivpower können auch die beiden ehemaligen Bundesligaspieler Shinji Kagawa und Shinji Okazaki aktuell wenig ändern. Die beiden routinierten Japaner kommen kumuliert auf drei Tore und eine Vorlage. Das reicht allerdings schon, um an einem Drittel aller Treffer direkt beteiligt zu sein.


Da der Klub unter Einfluss von japanischen Investoren steht, sind Kagawa und Okazaki nicht die einzigen Japaner im Kader von Hollerbach. Mit Schmidt, Hashioka und Hayashi spielen insgesamt fünf Japaner in Sint-Truiden. Ziel ist es, die Stadt für japanische Touristen attraktiver zu gestalten.
via vrt.de





Zwischen den Extremen

Bernd Hollerbach und seine Mannschaft bewegen sich momentan zwischen den Extremen. Während es in der Offensive einiges an Verbesserungsbedarf gäbe, gibt es in der Defensive kaum etwas zu bemängeln. Und das ist auch okay so! Betrachtet man die Vereinshistorie, so ist der neunte Platz aus dem Vorjahr als großer Erfolg zu bewerten. Wie es laufen kann, wenn die offensiven Nadelstiche sitzen, zeigte die Schlussphase der vergangenen Saison. Aus gewohnt stabiler Defensive gewann man sieben der letzten neun Saisonspiele und blieb sogar ohne Niederlage. Nur knapp verpasste man am Ende die Qualifikationsrunde für die Conference League.

Die beste Phase in der Amtszeit von Bernd Hollerbach bei VV St. Truiden: von Spieltag 26 bis 34 der Saison 2021/2022 sammelte man beeindruckende 23 Punkte.

Platz Team Spiele S/U/N Tore Punkte
1 Gent 9 8/1/0 20:4 25
2 Brügge 9 8/0/1 26:7 24
3 St. Truiden 9 7/2/0 16:4 23
4 Anderlecht 9 7/1/1 20:6 22

Dass man in dieser Phase etwas über den eignen Verhältnisse spielte, dürfte jedem bewusst sein. Dennoch hat man sicherlich den Ehrgeiz, sich diese Leistungen zumindest annähernd als Maßstab zu setzen. Da macht es auch nichts, dass man laut transfermarkt.de über den drittgeringsten Marktwert der Liga verfügt. Bernd Hollerbach und sein Team werden daran arbeiten, die offensive Durchschlagskraft zu erhöhen. Dank der stabilen Defensive um Robert Bauer und Toni Leistner reichen diesbezüglich womöglich schon kleine Verbesserungen, um in Zukunft noch erfolgreicher zu sein.

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Quellen:
wyscout.com
transfermarkt.de
whoscored.com
Bilder:
R.Bajela, Bernd Hollerbach 2015, CC BY-SA 4.0
Textilvergehen from Berlin, Deutschland (DE), Toni Leistner (34216772735), CC BY 2.0
Антон Зайцев, Robert Bauer 2019, CC BY-SA 3.0

Co-Founder & Analyst bei ballorientiert

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