Bundesliga

Analyse: ist der SC Freiburg reif für die Champions League?

ANALYSE. Platz 2 in der Liga, überwintern im Achtelfinale der Europa League und im DFB-Pokal. Das abgelaufene Fußballjahr hätte für den SC Freiburg kaum besser verlaufen können. Ballorientiert macht den großen Check: ist Christian Streichs Sportclub reif für die Champions League?
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Bereits in der letzten Saison stellten die Breisgauer ihren Rekord unter Christian Streich ein. Mit 55 Punkten holte der Sportclub so viele wie nie zuvor in der Bundesliga in der Amtszeit des dienstältesten Trainers der Liga. Nicht zu toppen – dachte man. Vor dem Restart steht der SCF mit 30 Punkten aus 15 Spielen als „Bayernverfolger“ Nummer 1 da. Was macht die Mannen von Streich so stark?







Schlüssel zum Erfolg: Variabilität

Er lässt sich taktisch immer extrem viel einfallen und ist in der Lage, sich dem Geschehen anzupassen. Die Taktiken sind variabel, er will nicht immer nur sein Ding durchdrücken.

Julian Nagelsmann, damals Trainer der TSG Hoffenheim, lobte die Flexibilität der Freiburger und deren Trainer bereits vor etlichen Jahren. Auch in dieser Saison ist eben jene Unberechenbarkeit das große Plus des Sportclubs. Nicht nur in der Systemfrage und im Matchplan agiert Christian Streich extrem variabel und stellt sein Team je nach Gegner sehr unterschiedlich ein. Allen voran ist es die Torverteilung, die es dem Gegner so schwierig macht, die Freiburger vollends zu kontrollieren.

Überlässt der Gegner dem Sportclub den Ball, weiß dieser durchaus, aus dem Ballbesitz Torchancen zu kreieren. Schließlich erzielte man 9 der 25 Bundesligatore aus dem eigenen Positionsspiel heraus. Auch in puncto Umschaltspiel zeigt man sich hin und wieder gefährlich – 3 Kontertore stehen bislang zu Buche. Nicht neu ist die große Stärke bei Standardsituationen. Neben den 4 Elfmetertoren gelangen bereits 8 Treffer nach ruhendem Ball. Ohne Standards gewinnen wir kein Spiel – scherzte Christian Streich bereits vor einiger Zeit.

 

Die beste Ballbesitzmannschaft der Liga?

Unterdurchschnittlich viele gespielte Pässe und eine mittelmäßige Passquote – Streichs Freiburger sind nicht gerade als Ballbesitzmannschaft bekannt. Oder etwa doch? Wirft man einen Blick auf die verschiedenen Ligaspiele und deren Ballbesitzwerte, kann man durchaus zu der Einschätzung kommen. In den 9 Partien, in denen der SC mehr als 50% den Ball hatte, konnte man starke 25 Punkte holen und spielte somit lediglich einmal Unentschieden. Konträr dazu steht die magere Ausbeute von nur 5 Punkten aus 6 Spielen bei geringerem Ballbesitzanteil als der Gegner. Relativierend muss man natürlich auch die Gegner erwähnen. So hatte man zum Beispiel gerade gegen die Top-Teams aus München, Dortmund und Leipzig weniger den Ball und kassierte gegen diese Teams die bis dato einzigen Niederlagen der Saison.

 

Analyse: das Freiburger Spiel mit Ball

Eine Analyse zeigt, dass sich der Freiburger Spielaufbau relativ unabhängig vom Gegner gestaltet. Der Ballvortrag soll wenn möglich flach, aber zugleich schnell und zielstrebig in Richtung Offensive getragen werden. Der Aufbau soll primär durch das Zentrum erfolgen, weshalb die passsicheren Innenverteidiger Ginter und Lienhart die meisten Ballaktionen der Streich-Elf verzeichnen. Auch der „6er“ Nicolas Höfler ist mit seiner Passqualität von großer Bedeutung – und zugleich auch als Balance-Spieler zwischen Offensive und defensiver Absicherung.

Analyse: Taktik bzw. Passspiel im 4231 unter Christian Streich
Die Passmap der Freiburger in dieser Saison. Quelle: wyscout

Auch im Ballbesitzspiel zeigt sich die Streich-Elf sehr flexibel und baut regelmäßig lange Ballbesitzphasen ein. Entweder, um beim eigenen Team für Ruhepausen zu sorgen oder den Gegner mürbe zu spielen. In der eigenen Gefahrenzone steht das Schlagwort „Risikovermeidung“ im Fokus – mit Erfolg. Sowohl im eigenen als auch im mittleren Drittel des Feldes verzeichnet der SC die zweitwenigsten Ballverluste der Liga. Im letzten Drittel geht man gerne ins Risiko und kann dies dank einer guten Restverteidigung abfangen.

 

Der Freiburger Weg zum Tor

Da die starke linke Seite häufig zugestellt wird, beginnt der Freiburger Spielaufbau oftmals über halbrechts und wird von dort aus initiiert. Im Übergangsspiel gelingt es Streichs Team aber regelmäßig, die eingespielten Günter und Grifo zu finden – schließlich haben die beiden die meisten Chancen im Freiburger Offensivspiel kreiert. Vor allem Grifo ist der Fixpunkt im mittleren Spielfelddrittel und zugleich nach den beiden Innenverteidigern der Akteur mit den meisten Ballaktionen.

Im letzten Drittel zeigt sich die Schwarzwaldmetropole flexibel. Ob durch Hinterlaufen oder gegenläufige Bewegungen zieht man die gegnerische Kette gut auseinander und öffnet in der Mitte den Raum für den kopfballstarken Gregoritsch, um diesen in der Box freizuspielen. Gefunden vornehmlich vom WM-Fahrer Günter, der die meisten Flanken der Liga schlägt. Allgemein sind Flanken ein wertvolles Mittel der Freiburger. Nur selten schlägt man Flanken aus dem Halbfeld – umso gefährlicher ist man, wenn man in Richtung Grundlinie vordringt und gibt folglich die zweitmeisten Abschlüsse der Liga per Kopf ab.







Christian Streichs Fingerspitzengefühl

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Streich es perfekt schafft, die jeweiligen Stärken seiner Offensivakteure hervorzubringen. Allen voran die der drei Leistungsträger im Angriff. Sturmriese Gregoritsch führt die meisten Kopfballduelle der Liga. Grifo bewegt sich viel im Halbraum, um sich die Bälle abzuholen und dadurch seine Passqualitäten sowie Kreativität einzubringen. Nicht zu vergessen ist der 24-jährige Ritsu Dōan, der mit die meisten Dribblings der Bundesliga führt – obwohl der SC diese im Allgemeinen eher meidet. Die Ausbeute in der Offensive könnte sogar noch besser sein, denn der expected Goals Wert liegt fast 3 Treffer über den tatsächlich erzielten 25 Toren. Neben Grifo und Gregoritsch (zusammen 15/25 Treffer erzielt) konnte sich aber bislang kein weiterer Akteur im Toreschießen aufdrängen und mehr als 2 Ligatore beisteuern.

 

Freiburger Defensive: die perfekte Balance

Einmal mehr sind es nur die Bayern, die einen Tick besser sind. Dennoch stellt der Sportclub mit lediglich 17 kassierten Treffern die zweitbeste Defensive der Liga. Ein Garant hierfür ist sicherlich Torhüter Mark Flekken. Fast 5 Tore mehr wären für die Gegner laut expected Goals möglich gewesen – Flekken verhinderte aber weitere Einschläge. Ansonsten zeichnet sich die Defensive von Streichs Freiburgern durch kluge und einstudierte Verhaltensmuster aus. Die Freiburger Akteure legen viele Meter zurück, aber relativ wenige im Sprint. Durch kollektives Verschieben bietet man dem Gegner nur wenig Räume. Dass der Sportclub die wenigsten Defensivzweikämpfe der Liga gewinnt, fällt auch deshalb kaum ins Gewicht. Dennoch haben allen voran Höfler und Günter hier noch viel Luft nach oben.

Kompaktheit lautet der Schlüssel beim SC Freiburg gegen den Ball - das zeigt die Analyse von Streichs Elf.
Häufig gesehenes Bild im Spiel gegen den Ball: 4-4-2 mit sowohl in der Horizontalen als auch Vertikalen extrem geringen Abständen.

Oftmals agiert der Sportclub aus dem Mittelfeldpressing heraus, die Kompaktheit zwischen den eigenen Ketten steht dabei an oberster Stelle. Kein Team aus der Liga führt seine Defensivduelle im Durchschnitt weiter vom eigenen Tor entfernt (48,41 Meter) als die Freiburger. Dennoch gelingt es dabei stets, die Tiefe zu sichern und dem Gegner möglichst wenig Raum anzubieten. Nach Ballverlust geht der Sportclub vor allem im letzten Drittel ins Gegenpressing und verzeichnet die drittmeisten Ballrückeroberungen in dieser Zone – nur Mainz und einmal mehr die Bayern erkämpfen sich den Ball häufiger zurück. Mit diesem Ansatz kassierte der SCF bislang erst einen Treffer nach einem Konter.

 

Analyse: ist der SC Freiburg reif für die Champions League?

Da bleiben wir ja eh nicht, das ist ja eh klar.

Christian Streich zeigt sich gewohnt zurückhaltend bei der Frage, ob man auch am Ende so weit oben in der Tabelle stehen könne. Auch wenn einige statistische Werte auf den ersten Blick nicht darauf schließen lassen, stehen die Freiburger aber durchaus verdient auf ihrem derzeitigen Tabellenplatz. Dennoch gibt es natürlich auch noch Luft nach oben beim Sportclub. Zum Beispiel in der Schlussphase. 13 der 17 Gegentore kassierten die Breisgauer im 2. Durchgang und satte 6 davon in der Schlussviertelstunde und liesen deshalb den ein oder anderen Punkt sogar liegen.

Ansonsten zeichnet sich die Mannschaft von Christian Streich durch Stabilität, Kollektivität und Bescheidenheit aus. Man weiß, was man kann und was man nicht kann. Aus diesem Wissen gelingt es dem dienstältesten Trainer der Liga, fast Woche für Woche, taktisch das Maximum herauszuholen. Betrachtet man die beeindruckende Art und Weise, mit der man auch international in dieser Saison schon für Furore sorgte, muss man den Sportclub definitiv im Kampf um Platz 4 auf der Rechnung haben.

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Quellen:
transfermarkt.de
wyscout.com
instat.com
whoscored.com
bundesliga.de
Steven SchaapChristian Streich 2017CC BY-SA 4.0







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